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Ich weiß, was passiert – aber ich komme nicht ins Schreiben

  • Autorenbild: Patricia Alge
    Patricia Alge
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Warum du trotz klarer Geschichte nicht ins Schreiben kommst

Du kennst deine Geschichte.

Du weißt, was passiert. Du kennst deine Figuren, ihre Motivation, den Konflikt, vielleicht sogar die wichtigsten Wendepunkte. Eventuell hast du sogar schon eine Kapitelübersichten erstellt, einzelne Szenen skizziert oder ganze Passagen grob formuliert.

Und trotzdem sitzt du vor dem leeren Dokument – und kommst nicht ins Schreiben.


Nicht, weil dir etwas fehlt.

Sondern weil zu viel da ist.


Nicht ins Schreiben kommen fühlt sich in dieser Phase besonders frustrierend an, weil es keinen logischen Grund dafür gibt. Du hast geplant, gedacht und vorbereitet.  Eigentlich müsstest du doch einfach loslegen können. Dennoch bleibt der Cursor blinkend stehen.


Also was passiert da?



Wenn Wissen dich nicht ins Schreiben bringt

Viele angehende AutorInnen erwarten, dass Schreiben leichter wird, sobald sie wissen, was passiert. In der Praxis geschieht jedoch oft das Gegenteil.


Je klarer deine Geschichte im Kopf ist, desto größer wird der innere Druck. Der Text soll dem entsprechen, was du bereits siehst. Er soll atmosphärisch sein, stimmig und gut formuliert. Vor allem aber, soll er richtig sein.


Und genau hier beginnt das Problem – denn plötzlich fühlt sich Schreiben nicht mehr nach einer Entdeckungsreise an, sondern wird zu Leistungsdruck.


Aus Leichtigkeit wird Druck – noch bevor überhaupt Text entstanden ist.



Übersteigere Erwartung

Vielleicht kennst du diesen inneren Dialog:

Ich weiß genau, was in dieser Szene passieren muss.Aber so, wie es jetzt klingt, ist es noch nicht richtig. Irgendetwas fehlt. Vielleicht fällte mir später noch etwas Besseres ein.


Und dieses „später“ wird schnell zu morgen.

Oder zu nächste Woche.

Zum nächsten Projekt.


Was dich in dieser Phase wirklich blockiert ist nicht der Plot und auch nicht dein mangelndes Können. Es sind deine eigenen Erwartungen! Die irrtümliche Annahme, dein Text müsse dem inneren Bild deiner Geschichte sofort gerecht werden.


Doch das wird nicht passieren.


Nicht heute. Nicht morgen. Auch nicht, wenn du schon hundert Romane geschrieben hast.


Denn die Worte, die aus dir aufs Papier fließen, sind alles andere als Perfekt – und müssen es auch nicht sein. Sie sind die erste Rohfassung.


Wie bei einem Gemälde, die ersten groben Skizzen.

Auch ein Künstler hat sein fertiges Bild bereits vor Augen – aber die tatsächliche Entstehung ist ein Prozess. Sie geschieht Pinselstrich für Pinselstrich. Farbschicht um Farbschicht – bis all die feinen Nuancen perfekt harmonieren.


Genau so ist es auch beim Schreiben. Die erste Fassung ist immer nur der Anfang  – niemals das Ziel.



Schreiben ist kein Abtippen deiner Gedanken

Ein häufiger Denkfehler im Schreibprozess ist die Annahme, Schreiben bedeute in erster Linie, das, was man bereits weiß, in Worte zu fassen.


Ich weiß ja schon, was passiert – also müsste ich es jetzt nur noch aufschreiben.


Aber so funktioniert Schreiben nicht.


Gedanken sind verdichtet, unvollständig, oft emotional klar, aber sprachlich unscharf. Texte entstehen nicht durch blosses Übertragen, sondern durch Bewegung, Ausprobieren, Umwege und Korrekturen. Sie entfalten ihre Wirkung erst im Laufe des Schreibprozesses.


Ähnlich wie ein Diamant. Auch er ist anfangs nur ein trüber Stein. Aber mit jeder neu zugefügten Fassette und jedem weiteren Schliff, gewinnt er an Klarheit und Wert.


Wenn du versuchst, deine Geschichte direkt perfekt formuliert aufzuschreiben, ist es, als würdest du versuchen, einen fertig geschliffenen Diamanten im Schlamm zu finden – aussichtslos und sehr frustrierend.



Warum gerade der Anfang so schwer fällt

Besonders oft kommst du nicht ins Schreiben, weil der Einstieg größer wirkt, als er ist. Der erste Satz soll tragen, Atmosphäre schaffen, neugierig machen. Und plötzlich liegt das Gewicht des ganzen Buches auf diesem einen Moment.


Kein Wunder, dass man da ist Stocken gerät.


Deshalb Stopp! Entwarnung!


Wichtig ist der erste Satz erst im druckreifen Manuskript. Jetzt, zu Beginn des Schreibprozesses, ist er kein Versprechen an LeserInnen, sondern eine Brücke für dich selbst, um in deine Geschichte zu finden.


Er darf banal sein. Unbeholfen und vorläufig.


Wenn dich der Einstieg blockiert, dann überspring ihn. Fang mitten in der Szene an. Oder schreib ihn bewusst unscheinbar. Du darfst später jederzeit zurückkehren.

 


Wenn du innerlich schon überarbeitest

Ein weiterer Grund, warum du nicht ins Schreiben kommst: du überarbeitest bereits innerlich, bevor überhaupt Text existiert. Du formulierst einen Satz – und verwirfst ihn im selben Moment.


Nicht, weil er schlecht ist.

Sondern weil er noch roh ist.


Doch Rohheit ist weder Fehler noch Schwäche. Sie ist Voraussetzung.


Überarbeiten ist eine andere Phase. Sie braucht Abstand, Zeit und Material. Wenn du sie zu früh aktivierst, nimmst du dir selbst die Grundlage dafür.


Schreiben heißt zuerst produzieren.

Bewerten und überarbeiten kommt danach.


Manchmal hilft es, schneller zu schreiben, als du denken kannst. Tippfehler zuzulassen. Unfertige Sätze stehen zu lassen. Hauptsache, der Text bewegt sich vorwärts.

 


Ein Perspektivwechsel, der hilft

Versuche deshalb, eine Szene nicht zu schreiben, um sie perfekt zu machen, sondern um herauszufinden, wie sie sich in ihrer Rohfassung anfühlt.


Stell dir nicht die Frage:

Wie muss diese Szene klingen?

Sondern:

Was passiert hier – ganz konkret, Moment für Moment?


Dieser Perspektivwechsel nimmt Druck raus und bringt dich zurück ins Schreiben.



Erlaube dir schlecht zu schreiben

Eine der wirkungsvollsten Methoden, endlich ins Schreiben zu kommen, ist erstaunlich simpel: Erlaube dir ganz bewusst eine Rohfassung zu schreiben.


Nicht im Kopf.

Nicht theoretisch.

Sondern ganz konkret.


Entscheide dich explizit, eine Rohfassung zu schreiben. Nicht als Ausrede, sondern als persönliche Erlaubnis unperfekt zu schreiben.


Du verschiebst damit die Bewertung bewusst in eine spätere Phase - und erst dann wird freies Schreiben wieder möglich.



Arbeite in Momenten statt in ganzen Szenen

Wenn du weißt, was passiert, denkst du oft in großen Bögen: ganze Szenen, ganze Kapitel. Das kann lähmen.

Reduziere deinen Fokus radikal.


Nicht mehr: Wie schreibe ich diese Szene?

Sondern: Was ist der nächste konkrete Moment?


  • Ein Satz.

  • Eine Handlung

  • Ein Dialog.


Mehr brauchst du jetzt nicht.


Ein Beispiel

Du weißt, dass eine Nebenfigur deinen Protagonisten verrät. Du weißt also um die Bedeutung dieses Moments und willst ihn perfekt einfangen – aber genau das kann dich blockieren.


Deshalb nimm den Druck raus und beginne bewusst unperfekt:


Er betrat den Raum. Sie sah ihn nicht an. Irgendetwas hatte sich verändert.


Das ist kein guter Text. Aber es ist ein Anfang.


Und aus Anfängen entstehen Szenen.

Aus Perfektionsansprüchen nicht.



Die Angst, sich festzulegen

Manchmal kommst du auch deshalb nicht ins Schreiben, weil Schreiben etwas endgültig wirken lässt. Solange etwas nur geplant ist, bleibt es beweglich. Sobald du es aufschreibst, bekommt es Form – und damit auch Angreifbarkeit.


Doch Schreiben ist kein Vertrag.

Nichts, was du heute festhältst, ist endgültig. Texte dürfen sich verändern. Figuren dürfen wachsen. Szenen dürfen umgeschrieben werden.


Festlegen heißt nicht, sich festzufahren. Es heißt, sich eine Grundlage zu schaffen.

 


Vertrauen entsteht beim Schreiben

Viele angehende AutorInnen warten darauf, dass sich Schreiben richtig anfühlt. Dass der Text fließt und sie sich sicher fühlen.

Aber dieses Gefühl kommt nicht vor dem Schreibprozess.

Es entsteht währenddessen.


Vertrauen ist kein Startsignal.

Es ist ein Ergebnis.



Fazit

Wenn du weißt, was passiert, aber nicht ins Schreiben kommst, liegt das nicht an fehlender Disziplin oder mangelndem Talent.

Du stehst an einem Übergang – vom Denken ins Machen, vom Wissen ins Schreiben.


Du musst nicht weniger planen.

Du musst dir nur erlauben, nicht sofort gut zu schreiben.


Denn perfekte Texte entstehen nicht im Kopf.

Sie entstehen auf den Seiten – Schritt für Schritt.

 


Wie sind deine Erfahrungen?

Kennst du dieses Gefühl, alles zu wissen – und trotzdem nicht ins Schreiben zu kommen? Was hält dich aktuell am meisten zurück: der Anspruch, der Einstieg oder der erste Satz?


Schreib mir gern in den Kommentaren, wo du gerade stehst. Vielleicht hilft deine Erfahrung nicht nur dir, sondern auch anderen AutorInnen.



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