Schreibchaos - Hilfe meine Notizen erschlagen mich
- Patricia Alge

- 20. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Wenn angehende AutorInnen von ihren eigenen Ideen überwältigt werden
Es gibt diese Phase im Schreibprozess, über die kaum jemand spricht. Die, in der du nicht an Ideenmangel leidest – sondern an Ideenüberfluss.
Alles ist da. Die Geschichte, die Figuren, die Welt. Du hast unzählige Ideen, Szenen, Charakterdetails und Hintergrundinfos gesammelt und fein säuberlich in Notion, Scrivener oder einem anderen Tool abgelegt. Und trotzdem sitzt du da – und fühlst dich plötzlich blockiert.
Vor Kurzem hat mich genau dazu eine Leseranfrage erreicht:
„Meine Notizen verschlucken mich. Ich habe das gesamte Buch in Notion aufgebaut – Ideen, Szenen, Texte, Informationen. Jetzt ist alles zu groß und unübersichtlich. Manche Szenen sind doppelt, ich verliere den Überblick. Vor allem bei meinem Hauptcharakter: Er ist ein Alchemist mit vielen Gadgets und Mischungen, aber sein Steckbrief wird immer chaotischer. Kennst du einen Lösungsansatz?“
Ja, den kenne ich. Und du bist mit diesem Problem ganz bestimmt nicht allein.
Das eigentliche Problem ist nicht: zu wenig Ordnung, sondern zu viel
Wenn ein Schreibprojekt größer wird als der Überblick, glauben viele angehende AutorInnen, das Problem liege in mangelnder Struktur. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall.
Zu viele Notizen.
Zu viele Details.
Zu viele Versionen.
Gerade digitale Tools verleiten dazu, alles festzuhalten: jede spontane Idee, jede alternative Szene, jede Charaktervariante, jede mögliche Fähigkeit.
Das Ergebnis ist ein riesiges Archiv voller Material – aber kein klarer Blick mehr auf die Geschichte.
Wenn Sammeln nicht mehr hilft
Am Anfang fühlt sich das alles richtig an. Du sammelst Ideen, denkst voraus, willst vorbereitet sein. Jede Notiz gibt dir das Gefühl, deiner Geschichte näherzukommen.
Und dann kommt der Wendepunkt.
Du öffnest deine Notizen und merkst, dass sie dich nicht mehr unterstützen, sondern überwältigen. Du scrollst, liest, erkennst Szenen wieder – leicht verändert, mehrfach vorhanden. Du stößt auf Details, die du dir irgendwann ausgedacht hast, die heute aber keinen Platz mehr finden.
Du weißt, dass all das wichtig ist. Und genau deshalb fällt es dir so schwer, den Überblick zu behalten.
Die Geschichte ist da – aber sie liegt unter all den Notizen verschüttet.
Das Problem ist nicht mangelnde Ordnung. Das Problem ist, dass alles gleichzeitig sichtbar ist.
Die gute Nachricht – und die unbequeme
Die gute Nachricht ist:
Du hast eine enorme Fülle an Material. Deine Geschichte hat Tiefe, Substanz und Möglichkeiten.
Die Unbequeme ist:
Aus dieser Fülle musst du nun auswählen.
Und Auswahl bedeutet zwangsläufig, Entscheidungen zu treffen.
Nicht alles kann, darf oder soll gleichzeitig erzählt werden.
Nicht jede Idee gehört in dieses Buch.
Nicht jedes Detail braucht einen Platz im Rampenlicht.
Wenn du an diesem Punkt stehst, beginnt eine neue Phase im Schreibprozess. Sammeln reicht nicht mehr aus. Wenn du weiterschreiben willst, musst du anfangen, Ordnung zu schaffen – nicht nur im Tool, sondern auch im Kopf.
Fangen wir also damit an, Struktur in das Schreibchaos zu bringen.
Wie du dein Chaos wieder entwirrst
Raum schaffen, bevor du sortierst
Der erste Schritt ist kein technischer. Es geht nicht darum, alles neu aufzusetzen oder ein perfektes System zu bauen.
Es geht darum, deinem Schreiben wieder Raum zu geben.
Trenne deshalb klar zwischen deiner Geschichte und deinem Material. Lege dir eine aktuelle Fassung an – einen Bereich, der ausschließlich dem Schreiben dient.
Dort gehört nur hinein, was du jetzt brauchst:
die aktuelle Kapitelstruktur, die Szenen, an denen du wirklich arbeitest, und die relevanten Charakterinfos für diese Phase.
Alles andere hat hier nichts verloren.
Das Archiv: dein Ideen-Parkplatz
Alles, was nicht aktiv gebraucht wird, wandert ins Archiv:
doppelte Szenen
alte Fassungen
alternative Ideen
Zusatzinfos
Wichtig: Nichts geht verloren. Alles darf existieren – aber außerhalb deines Blickfelds.
Allein diese Trennung bringt oft schon spürbare Erleichterung.
Hör auf, am ganzen Buch gleichzeitig zu arbeiten
Einer der häufigsten Auslöser für Überforderung ist der Versuch, alles im Blick behalten zu wollen: die komplette Handlung, alle Figuren, jede Verknüpfung.
Das mag bei Kurzgeschichten funktionieren – nicht aber bei einem Roman.
Zwing dich dazu, nur noch an dem Teil zu arbeiten, den du gerade schreibst. Frag dich nicht, wie alles zusammenpasst, sondern nur:
Was schreibe ich jetzt?
Alles andere darf existieren – aber nicht in deinem Arbeitsraum.
Wenn Szenen mehrfach existieren
Dass Szenen doppelt oder sogar mehrfach vorhanden sind, ist kein Fehler, oder Zeichen von Chaos. Es zeigt, dass du gesucht hast – nach Ton, Richtung, emotionaler Wahrheit.
Der Fehler liegt nicht in der Mehrfachversion, sondern darin, sie alle festhalten zu wollen.
Entscheide dich bewusst für die Version, mit der du weiterarbeitest. Nicht für die perfekteste, sondern für die klarste. Die anderen wandern ins Archiv. Sie verlieren dadurch nicht ihren Wert – nur ihren Anspruch, dich vom Schreiben abzuhalten.
Angefangene Kapitel dürfen ruhen
Nicht jedes Kapitel, das begonnen wurde, muss sofort fertiggestellt werden. Manche sind gerade aktiv, andere dürfen warten.
Du musst nicht wissen, wie alles zusammenpasst. Es reicht, wenn du weißt, wo du jetzt weiterschreibst.
Hauptcharaktere entschlacken
Besonders deutlich zeigt sich das Chaos oft beim Hauptcharakter. Je wichtiger er wird, desto mehr lädst du ihm auf: Fähigkeiten, Wissen, Gadgets, Hintergrund, Möglichkeiten.
Und irgendwann wird er schwer.
Dann ist es Zeit, ihn zu entlasten. Nicht, indem du Tiefe wegnimmst, sondern indem du dich wieder auf das Wesentliche konzentrierst: seine Motivation, seinen inneren Konflikt, sein Ziel, seine Schwächen – und das, was für ihn auf dem Spiel steht.
Alles andere darf in den Hintergrund treten - auch wenn es liebevoll ausgearbeitet ist.
Und mal ehrlich: Wenn du dir so viele Gedanken über deinen Hauptcharakter gemacht hast, dass du nicht mehr weißt, wohin mit all den Informationen, dann kennst du ihn längst in- und auswendig. Du weißt, womit er arbeiten kann. Diese Notizen müssen nicht ständig vor dir liegen. Es reicht, wenn du sie bei Bedarf im Archiv nachlesen kannst.
Tiefe entsteht nicht durch Menge.
Tiefe entsteht durch Fokus.
Schreiben schafft Ordnung
Der vielleicht wichtigste Schritt klingt paradox:
Schließe deine Notizen – obwohl sie nicht perfekt sind – und schreib deine Geschichte weiter.
Nicht, weil alles geklärt ist.
Sondern weil Schreiben Klarheit schafft.
Notizen fühlen sich sicher an. Schreiben macht verletzlich. Deshalb bleiben viele zu lange im Sammelmodus. Doch irgendwann will die Geschichte erzählt werden – also hör auf zu sammeln und zu sortieren. Leg deinen Fokus aufs Schreiben.
Frag dich vor jeder Schreibsession:
Welche Szene schreibe ich heute?
Welche Infos brauche ich dafür wirklich?
Alles andere bleibt geschlossen.
Fazit
Chaos entsteht nicht, weil du zu viele Ideen hast.
Sondern weil du noch nicht entschieden hast, welche davon gerade erzählt werden darf.
Und diese Entscheidung triffst du nicht im Tool.
Sondern im Schreiben selbst.
Wie sieht es bei dir aus?
Kennst du dieses Gefühl auch, von deinen eigenen Notizen überwältigt zu werden?Erzähl mir gern in den Kommentaren, an welchem Punkt im Schreibprozess du gerade stehst – und was dich aktuell am meisten blockiert. Manchmal hilft es schon, es auszusprechen.




Kommentare