Plottest du noch oder schreibst du schon?
- Patricia Alge

- 13. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Plotter vs. Draufi – planen oder drauflosschreiben?
Diese Szene dürfte vielen Schreibenden bekannt vorkommen:
Du sitzt vor deinem Laptop. Die ersten Seiten deines Romans sind geschrieben. Die Figuren leben, die Handlung nimmt Fahrt auf – und plötzlich merkst du: Irgendetwas stimmt nicht. Eine Szene passt nicht mehr. Eine Figur reagiert unlogisch. Und irgendwo in Kapitel sieben hat sich ein Plotloch aufgetan, groß genug, um einen Kleinwagen darin zu parken.
Spätestens an diesem Punkt taucht sie auf – die berühmte Frage:
Hätte ich das vorher planen sollen?
Oder anders gesagt:
Bist du Plotter oder Draufi?
Plotter vs. Draufi – was bedeutet das überhaupt?
Für alle, die mit den Begriffen noch nicht vertraut sind:
Plotten bedeutet, eine Geschichte im Voraus zu planen. Noch bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt, wird die Handlung in groben oder manchmal sehr detaillierten Zügen durchdacht. Ein Plotter weiß bereits vor dem ersten geschriebenen Satz, wie seine Geschichte beginnt, wo die entscheidenden Wendepunkte liegen und wie sie zu einem starken Finale führt.
Die Hauptarbeit beginnt also lange vor dem eigentlichen Schreiben.
Und dann gibt es die Draufis.
Die Drauflosschreibenden. Autorinnen und Autoren, die ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihre Geschichte beim Schreiben entstehen lassen – Szene für Szene, Zeile für Zeile. Meist mit einer groben Vorstellung im Kopf, wohin die Reise ungefähr gehen soll.
Beide Methoden sind völlig legitim.
Denn beide können zu einem fertigen Roman führen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht:
Welche Methode ist die richtige?
Sondern:
Welche Methode funktioniert für dich?
Der Mythos vom Entweder-oder
Viele Schreibratgeber tun so, als müsste man sich entscheiden.
Plotter oder Draufi.
Als gäbe es zwei Lager, getrennt durch einen tiefen Graben.
Ich persönlich halte das für einen Mythos.
Ich kenne keine Autorin und keinen Autor – und ich habe viele Kolleginnen und Kollegen gefragt – die ausschließlich zu einer dieser Gruppen gehören.
Schreiben ist kein starres System. Es ist ein dynamischer, kreativer Prozess.
Und wie wir arbeiten, hängt von vielen Dingen ab: von unserem Charakter, unserem Temperament, unseren Erfahrungen – und manchmal sogar von unseren ganz persönlichen Grundbedürfnissen.
Was Schreiben mit Reisen zu tun hat
Um das zu erklären, stell dir zwei Reisende vor.
Der erste packt seinen Rucksack, nimmt eine Kreditkarte und ein Handy mit – und fliegt nach Australien. Wo er startet, weiß er vielleicht noch. Aber wo er schlafen wird, welche Orte er besucht oder wie er von A nach B kommt, entscheidet er spontan unterwegs.
Abenteuerlich. Flexibel. Spontan.
Der zweite Reisende plant dieselbe Australienreise – allerdings bis ins Detail.
Er kennt seine Flugzeiten, hat alle Hotels bereits gebucht, weiß genau, an welchem Tag er welche Sehenswürdigkeit besuchen wird und hat sogar schon recherchiert, welche Verkehrsmittel am bequemsten und günstigsten sind.
Strukturiert. Organisiert. Effizient.
Beide werden Australien erleben.
Beide werden vermutlich eine großartige Reise haben.
Der Unterschied liegt nur darin, wie sie dorthin gelangen.
Und genau so verhält es sich auch beim Schreiben.
Die wenigsten Menschen fühlen sich mit einer der beiden Extreme wirklich wohl. Die meisten bevorzugen eine Mischung: etwas Planung – aber genug Raum für spontane Entscheidungen.
Der Draufi – Schreiben im kreativen Rausch
Der Draufi ist der Abenteurer unter den Schreibenden.
Er schreibt einfach los. Seite um Seite entsteht, Kapitel um Kapitel wächst die Geschichte, bis die Tastatur glüht und sich die Katze vorsichtshalber aus dem Arbeitszimmer zurückzieht.
Diese Methode kann unglaublich produktiv sein. Die Geschichte entwickelt sich lebendig und dynamisch.
Bis irgendwann der Moment kommt, in dem der Draufi merkt:
Irgendetwas funktioniert nicht.
Also wird eine Szene umgeschrieben.
Kein Problem.
Nur leider passen jetzt plötzlich auch Teile der folgenden Kapitel nicht mehr. Also müssen auch diese angepasst werden.
Noch immer kein Problem – schließlich schreibt der Draufi gern.
Doch je häufiger das passiert, desto frustrierender wird der Prozess. Nicht nur, weil er viel Zeit kostet, sondern auch, weil oft große Mengen Text wieder gelöscht werden müssen.
Ich spreche hier aus eigener Erfahrung.
Mein erster Roman „Leise Tränen – starkes Herz“ hätte vermutlich rund zehntausend Seiten, wenn ich alles behalten hätte, was ich während des Schreibprozesses produziert und später wieder gestrichen habe.
Der Vorteil dieser Methode ist klar:
Der Draufi darf sich ganz dem Rausch des Schreibens hingeben. Figuren entwickeln sich organisch, überraschende Wendungen entstehen fast von selbst.
Der Nachteil:
Je komplexer die Geschichte wird, desto größer ist die Gefahr, sich in der eigenen Handlung zu verlieren.
Der Plotter – Architektur des Romans
Der Plotter geht einen völlig anderen Weg.
Er entwickelt seine Geschichte bevor er mit dem Schreiben beginnt. Dadurch weiß er bereits vor dem ersten Satz ziemlich genau, was in welchem Kapitel passieren soll.
Er kennt den Anfang.
Er kennt die Wendepunkte.
Und er weiß, wie alles in einem starken Finale zusammenläuft.
Viele Plotter erstellen außerdem detaillierte Charakterprofile für ihre Figuren. Sie kennen deren Vergangenheit, Motivationen und persönliche Entwicklung im Verlauf der Geschichte.
Hat der Plotter seine Vorbereitung sorgfältig gemacht, lässt sich der Roman anschließend meist sehr flüssig schreiben.
Der Vorteil liegt auf der Hand:
Plotlücken lassen sich oft schon im Vorfeld erkennen. Fehler im Handlungsablauf können korrigiert werden, bevor hunderte Seiten geschrieben sind.
Der Nachteil:
Zu viel Planung kann sich irgendwann wie ein Korsett anfühlen. Spontane Ideen finden keinen Platz mehr. Und im schlimmsten Fall kennt der Autor seine Geschichte so gut, dass das Schreiben selbst ein wenig von seiner Spannung verliert.
Die Wahrheit: Die Mischung macht’s
Schreiben ist ein wenig wie Reisen.
Zu viel Planung kann langweilig sein.
Zu wenig Planung kann im Chaos enden.
Die beste Erfahrung entsteht meist irgendwo dazwischen.
Und genau deshalb bin ich persönlich eine Draufi-Plotterin.
Am Anfang schreibe ich einfach drauflos. Ohne Zensur, ohne große Struktur. Ich schütte meine Ideen gewissermaßen wie einen Eimer voller Gedanken über meinem Laptop aus.
Danach beginne ich zu sortieren.
Welche Figuren braucht meine Geschichte wirklich? Wer ist Protagonist, wer Antagonist, wer spielt nur eine Nebenrolle? Für die wichtigsten Figuren erstelle ich kleine Lebensläufe, um sie besser kennenzulernen.
Dann lese ich meine ersten Ideen erneut durch und sortiere aus, was nicht funktioniert.
Die gestrichenen Szenen landen allerdings nicht im Papierkorb, sondern in einer Ideendatei. Man weiß schließlich nie, ob sie nicht irgendwann in einem anderen Projekt wieder auftauchen.
Erst danach beginne ich, die Geschichte in groben Zügen zu strukturieren.
Und dann schreibe ich sie.
Ganz der plottende Draufi.
Und du so?
Jetzt bin ich neugierig:
Wie arbeitest du beim Schreiben?
Planst du deine Geschichte von Anfang an durch – oder lässt du deine Figuren lieber selbst entscheiden, wohin die Reise geht?
Bist du eher Plotter, Draufi – oder irgendwo dazwischen?
Schreib es mir gern in die Kommentare. Ich bin gespannt, wie ihr arbeitet – und vielleicht entdeckt der eine oder andere dabei sogar eine neue Methode für sich. 😊




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