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  • AutorenbildPatricia Alge

Die Kraft des Pacing

Erzähldynamik – wie du dein Tempo meisterst


Heute widmen wir uns einem weiteren wichtigen Aspekt des Schreibens: dem Pacing.

"Dem wie bitte, was?", wirst du jetzt vielleicht denken und damit ungefähr die gleiche Reaktion zeigen, wie ich, als ich neulich in einer Literaturzeitschrift über diesen Begriff gestolpert bin. Natürlich musste ich gleich nachforschen, worum es bei diesem Pacing überhaupt geht.

Und was soll ich sagen? Nur weil das Konzept heute einen schicken englischen Namen trägt, wurde es nicht neu erfunden. Früher nannte man es Leserhythmus, oder Schreibmelodie - heute eben Pacing. Aber der Name ändert nichts an der Wichtigkeit dieses Schreibkonzepts.

Deshalb lass uns heute über Pacing sprechen. Darüber, was es ist; wie es in der modernen Literatur das Tempo einer Geschichte beeinflusst und wie du es als Autor nutzen kannst, um deine Leser:innen zu fesseln. Also schnapp dir eine Tasse Kaffee (oder Tee), lehn dich zurück und lass dich von mir inspirieren!


Pacing was ist das überhaupt?

Der Begriff Pacing stammt, wie bereits erwähnt, aus dem Amerikanischen und bedeutet soviel wie Tempo angeben. Womit keine rasante Fahrt in einem schicken Ferrari gemeint ist, sondern sich auf die Geschwindigkeit und den Rhythmus einer Geschichte bezieht. Im Grunde geht es darum, wie schnell oder langsam eine Handlung voranschreitet und wie sich die Ereignisse entfalten.


Ein gutes Pacing ist entscheidend, um die Aufmerksamkeit der Leser:innen zu halten und Spannung aufzubauen. Es hilft dabei, das Lesetempo zu steuern und die Leser:innen durch verschiedene emotionale Höhen und Tiefen zu führen.


Ein schlechtes Pacing kann dazu führen, dass sich eine Geschichte zäh und langweilig oder gar überladen «anfühlt». Was es natürlich tunlichst zu vermeiden gilt.


Wichtig ist, dass du dir vergegenwärtigst, dass du als Autor das Pacing als wirkungsvolles Werkzeug variieren kannst, je nachdem, welche Stimmung oder Wirkung du in der Geschichte erzielen möchtest. Du kannst das Lesetempo beschleunigen, um Spannung und Aufregung zu erzeugen, oder verlangsamen, um eine Atmosphäre der Kontemplation(des In-sich-Gehens) oder der Intimität zu schaffen.


Wie genau das geht, erkläre ich dir gleich.


Vorerst muss ich dir noch eine Wahrheit ins Gedächtnis rufen.

Wir leben in einer modernen, schnelllebigen Zeit, in der unsere Aufmerksamkeitsspanne oft begrenzt ist. Umso mehr spielt Pacing in der Literatur eine wichtige Rolle. Früher war es Autoren vergönnt, gemächlich in einen Roman einzusteigen, indem zuerst das alte Leben der Protagonisten aufgezeigt wurde und sie in ihrem alten Umfeld agieren durften. Heute müssen wir unsere Leser:innen fast schon mitten in eine Katastrophe hinein werfen, um ihr Interesse von Anfang an zu fesseln. Gut, das ist etwas überspitzt dargestellt, aber du weisst, was ich meine. Schaffen wir es nicht, unsere Leser:innen auf den ersten zwei, drei Seiten zu packen, ist die Gefahr gross, dass sie das Interesse verlieren und das Buch enttäuscht beiseitelegen. Daher ist es für Autoren immens wichtig, das Pacing bewusst zu gestalten, um eine fesselnde Leseerfahrung zu schaffen.


Schön und gut, und wie genau machen wir das?

Indem wir zwischen schnellem und langsamem Pacing unterscheiden.

Ein schnelles Pacing wird zum Beispiel in Actionszenen verwendet, um die Intensität zu verstärken und die Handlung voranzutreiben. Während ein langsames Pacing in ruhigeren Momenten eingesetzt wird, um Atmosphäre und Nähe zu den Protagonisten zu schaffen.


Voraussetzung für ein gezieltes Pacing ist immer:

Kenne deine Geschichte!

Um mit Pacing zu arbeiten, ist es wichtig, deine Geschichte gut zu kennen. Verstehe ihre Hauptelemente, die Wendepunkte und ihre emotionalen Höhepunkte. Nur so kannst du das Pacing strategisch planen und die Leser auf eine mitreissende Reise mitnehmen.

Keine Sorge, das bedeutet nicht, dass du deine Geschichte schon zu Beginn des Schreibens bis ins Detail kennen musst. Plotter sind hier zwar etwas im Vorteil, aber auch Bauchschreiber, bei denen sich die Geschichte erst nach und nach entwickelt, können alle Vorteile von Pacing nutzen. Spätestens bei der Überarbeitung ihres Manuskripts.


Techniken zur Steuerung des Pacing

Beschleuniger:


  • Kurze Sätze und Absätze: Durch die Verwendung von kurzen Sätzen und Absätzen kann das Lesetempo erhöht werden. Dies erzeugt eine schnelle Abfolge von Ereignissen und treibt die Handlung voran. Zum Beispiel während einer Verfolgungsjagd, in einem Kampf oder einem Streitgespräch.

  • Dialoge: Lebhafte Dialoge zwischen Charakteren können das Pacing beschleunigen und dem Leser das Gefühl vermitteln, direkt in das Geschehen einbezogen zu sein. Schnelle und schlagfertige Dialoge erzeugen eine dynamische Atmosphäre.

  • Cliffhanger und Wendepunkte: Platzierte Cliffhanger und überraschende Wendepunkte an strategischen Stellen, um die Spannung zu erhöhen. Das steigert das Tempo und motiviert deine Leser:innen zum Weiterlesen. Schliesslich sind sie neugierig und wollen unbedingt wissen, wie es weitergeht.

  • Turbo-Beschleuniger: Jegliche Art von Action, offener Konfrontation, oder Form von Wettlauf gegen die Zeit, ebenso wie Figuren unter Zeitdruck, beschleunigen die Erzähldynamik einer Geschichte ebenfalls drastisch.


Vorteile einer schnell voranschreitenden Handlung

Spannung, Pageturner, die Leser:innen werden mitgerissen und wollen um jeden Preis weiterlesen, auch wenn es die ganze Nacht dauert.


Risiko von «zu wenig Tempo»

Die Geschichte kann als eher oberflächlich empfunden werden, da den Leser:innen keine Zeit bleibt, eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen. Teilweise kann sogar eine Art von Ermüdung auftreten, wenn zu schnell, zu viele dramatische Szenen aufeinanderfolgen.



Verlangsamer:


  1. Lange Sätze und Reflexionen: Lange Sätze und Beschreibungen, nehmen hingegen Tempo heraus und lassen uns unbewusst entspannen. Wir lassen uns in die Betrachtung einer Umgebung fallen, hören den Gedanken der Protagonisten zu, oder setzen uns mit deren Gefühlen auseinander. Das ermöglicht den Leser:innen tiefer in die Geschichte einzutauchen und schafft Nähe.

  2. Alltagsszenen: kleine, nicht Plot-relevante Szenen, nehmen Geschwindigkeit aus der Erzähldynamik heraus und verschaffen kurze Atempausen.

  3. Beziehungsbezogene Dialoge: Dialoge, die vorrangig zwischenmenschliche Beziehungen aufzeigen und nicht explizit dazu gedacht sind, die Handlung voranzutreiben, wirken ebenfalls entschleunigend und geben Leser:innen die Gelegenheit sich emotional enger mit den Figuren zu verbinden.

  4. Hintergrundinformationen: Das Einbringen von Hintergrundinformationen ist wohl die ultimative Entschleunigung einer Szene. Aber Vorsicht, nicht selten endet ein zu viel solcher Informationen im gefürchteten Info-Dump. Dennoch müssen gewisse Informationen vermittelt werden, damit Leser:innen sich in der Geschichte zurechtfinden. Eine gute Art, diesen Szenen dennoch etwas Leben einzuhauchen, ist, Humor oder Sarkasmus.



Vorteile einer langsam fortschreitenden Handlung

  • Welt und Charaktere können eingeführt und entwickelt werden

  • Leser:innen können Nähe zu den Protagonisten aufbauen

  • Beziehungen zwischen den Figuren entwickeln sich weiter

  • Das Bewusstwerden über die Konsequenzen für die Figuren setzt ein

Erholung zwischen den schnellen Szenen


Risiko von «zu wenig Tempo»

  • Ein eventuelles Übermaß an Beschreibung: Infodump

  • Langeweile, falls zu lange nichts dramatisches passiert.

  • Leser:innen überspringen Seiten oder legen das Buch enttäuscht beiseite


Fazit: Du siehst also, das richtige Pacing ist ein entscheidendes Element, um deine Geschichten fesselnd und mitreissend zu gestalten. Die Kunst liegt darin, die richtige Balance zu finden. Ein konstant hohes Tempo kann ermüden, während ein zu langsames Tempo rasch in Langeweile abrutscht. Deshalb ist es immens wichtig, die Pacing-Techniken zu variieren. Erlaube dir, mit den verschiedenen Geschwindigkeiten zu experimentieren. Indem du sie bewusst steuerst, kannst du die Spannung erhöhen, Emotionen stärken und die Leser:innen regelrecht in den Bann deiner Geschichte ziehen. Pacing ist eine mächtige Waffe im Werkzeugkasten eines jeden Autors. Die Anwendung erfordert zwar etwas Feingefühl und ein Verständnis dafür, wie Leser:innen auf verschiedene Geschwindigkeiten reagieren, aber die Mühe lohnt sich allemal.


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