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  • Patricia Alge

Alles eine Frage der Perspektive

Aktualisiert: 2. Dez. 2022

Die Wahl der richtigen Perspektive

Wer einen Roman schreibt, steht früher oder später (bestenfalls früher) vor der entscheidenden Frage, aus welcher Perspektive Er/Sie die Geschichte erzählen möchte. Besser noch, welche Perspektive, der Geschichte am meisten dient.


Da gibt es die Auktoriale Erzählperspektive, die Personale, manche Autoren lieben die Ich-Erzählung und andere entscheiden sich dafür, ihre Geschichte multiperspektivisch zu erzählen. Aber welche Perspektive ist die Beste? Die Antwort ist einfach: V. W. W.


V: Vorliebe (was liest du selbst am liebsten)

W. Wohlgefühl (womit fühlst du dich beim Schreiben am wohlsten)

W: Wissen (das Wissen um die einzelnen Perspektiven)


Die ersten beiden Punkte sind vermutlich kein Problem. Falls doch, schnapp dir einfach einige deiner Lieblingsbücher und sieh nach, aus welcher Perspektive sie geschrieben sind. Du hast Probleme, sie der richtigen zuzuordnen? Kein Problem, am Ende dieses Blogs, kannst du die unterschiedlichen Perspektiven mit Links unterscheiden.




Welche Art von Geschichte möchtest du schreiben?

Bevor wir jedoch in die Tiefe gehen, solltest du dich fragen, welche Art von Geschichte du schreiben möchtest? Im Groben gilt:

  • Beabsichtigst du, einen Mainstream-Roman zu schreiben? Dann ist die personale Erzählperspektive in der 3. Person eine gute Wahl. Oder auch die personale Multiperspektive, mit der du unterschiedliche Facetten der Geschichte erzählen und dadurch die Leser*innen schnell in die Geschichte ziehen kannst.

  • Soll die Geschichte sehr emotional werden und möchtest du den Leser ganz nah an die Figuren heranbringen? Dann ist die Ich-Erzählperspektive vermutlich die beste Lösung.

  • Oder planst du ein literarisches Werk? Analytisch, bissig, gehaltvoll? Dann wäre die auktoriale Erzählperspektive eine gute Möglichkeit.




Soweit so gut, sehen wir uns die einzelnen Perspektiven genauer an.


Der auktoriale Erzähler (Auch der allwissende Erzähler genannt)

Wie der Name schon sagt, weiss der auktoriale Erzähler alles. Er ist sozusagen das allwissende Auge und erzählt aus einer Perspektive, die ausserhalb des Geschehens liegt. Als würde er die Kamera von einem übergeordneten Standpunkt aus auf das Geschehen halten. (Aussenperspektive)

Der auktoriale Erzähler weiss alles über die Geschichte, den Verlauf der Handlung und jede Figur, die darin spielt. Ausserdem kann er in alle Figuren hineinschauen und uns erzählen, was sie denken und fühlen. Sein übergeordneter Standpunkt ermöglicht ihm zudem,

  • Die Zusammenhänge aufzuzeigen (z.B. Beziehungen zwischen den Figuren aufdecken)

  • Eigene Meinungen abzugeben (z.B. eine Handlung kommentieren)

  • Das Geschehen in Rückblenden zu erzählen (Hintergrund der Handlung erklären)

  • Geschehnisse vorwegzunehmen (zukünftige Geschehnisse andeuten, beliebtes Mittel zur Spannungserzeugung)

Wichtig: Die Stimme des auktorialen Erzählers wird oft mit der Stimme des Autors verwechselt. Das trifft aber nicht zu. Vielmehr wird die auktoriale Erzählstimme vom Autor gezielt als vermittelnde Instanz eingesetzt, um die Geschichte zu erzählen.


Vorteil dieser Erzählperspektive: Der Autor muss sich nicht auf eine bestimmte Perspektive beschränken, sondern kann aus dem Vollen schöpfen. Er kann dem Leser die erzählte Welt aus der Sicht jeder Figur vermitteln und flexibel zwischen ihnen wechseln. Auch kann er eine neurale Erzählweisen wählen, in der er von aussen beschreibt, was geschieht. Da der auktoriale Erzähler die gesamte Geschichte kennt, entscheidet er, wann welcher Aspekt aus welchem Blickwinkel vermittelt wird. Falls nötig kann er Hintergrundinformationen einstreuen (zur Geschichte selbst, oder zum besseren Verständnis der Figuren) oder künftige Ereignisse andeuten. (beliebtes Mittel zur Spannungserzeugung)


Nachteil dieser Erzählperspektive: Es entsteht keine echte Nähe zu den Figuren. Ausserdem kann es sehr schwer sein, aus der Fülle an Möglichkeiten jene zu finden, die der Geschichte wirklich dienlich sind.



Der personale Erzähler

Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler, weiss der personale Erzähler nicht alles.

Der personale Erzähler schlüpft in die Rolle einzelner (oder mehrerer) Figuren und erzählt das Geschehen jeweils aus ihrer Sicht in der Er/Sie- Form. Um bei der Kamerametapher zu bleiben… Hier wird das Geschehen aus der Perspektive einer Kamera gezeigt, die dicht hinter dem Er/Sie- Erzähler steht. Demzufolge kann der Erzähler auch nur das wissen, was die Figur, aus deren Sicht gerade erzählt, weiss, denkt oder fühlt. Alle anderen Hintergründe können dem Leser nicht vermittelt werden. (Innenperspektive)


Vorteile dieser Erzählperspektive: Dem Leser wird das Erleben einer Figur scheinbar ungefiltert zugänglich gemacht. Seine Gedanken und Gefühle. Er ist damit eng mit der Wahrnehmung der Figur verbunden, was eine hohe Identifikation und emotionale Verbindung zwischen Leser und Figur mit sich bringt.


Nachteile dieser Erzählperspektive: Eingeschränkte Erzählsituation. Anders als beim auktorialen Erzähler, kann der Autor beim personalen Erzählen nicht beliebig zwischen unterschiedlichen Positionen, Perspektiven und Erzählweisen wechseln. Ein guter personaler Erzählstil zeichnet sich dadurch aus, dass er konsequent gestaltet und umgesetzt wird. Ansonsten wirkt er rasch laienhaft.



Der Ich-Erzähler

Der Ich-Erzähler oder die Ich-Erzählerin, stehen mitten in der Geschichte und erzählen aus seiner/ihrer Sicht in der Ich-Form.


Hier wird also ausschliesslich erzählt, was er oder sie denkt und fühlt. Was die anderen denken oder fühlen, weiss der Ich-Erzähler hingegen nicht. Man könnte auch sagen, der Ich- Erzähler hält die Kamera, mit der das Geschehen aufgenommen wird, selbst in der Hand. Mal auf das Geschehen um ihn/sie herum gerichtet, mal auf sich selbst, um eben dieses Geschehen zu reflektieren.


Vorteil dieser Erzählperspektive: Dieser Erzählstil wirkt oft besonders authentisch und vermittelt dem Leser den Eindruck, die Geschichte hautnah mitzuerleben. Damit wird fiktionalen Geschichten eine besondere Echtheit unterstellt. Eine Tatsache, die dem Autor vielfältige Möglichkeiten zum Spielen einräumt. Zum Beispiel, indem er den Ich-Erzähler falsche Schlüsse ziehen lässt. Was im besten Fall zu Konflikten und Spannungssteigerung führt.


Nachteil dieser Erzählperspektive: Die Perspektive ist sehr einschränkend, da hier wirklich nur das erzählt werden darf, was der Ich-Erzähler erlebt, oder wie er die Situation interpretiert.



Multiperspektivisches Erzählen.

Im Roman der Gegenwart gehört diese Erzähltechnik neben der des Ich-Erzählers und dem personalen Erzähler vermutlich zu der häufigsten. Multiperspektives Erzählen ist der Überbegriff für eine Reihe von unterschiedlichen Erzählformen. Zum Beispiel einer Kombination aus mehreren personalen Erzählern oder mehreren Ich- Erzählern, die sich in jeweiligen Kapiteln abwechseln. Oder um es erneut aus einer Kamerasicht auszudrücken. Hier zeigt die Kamera zuerst eine Person in einer beliebigen Situation, wechselt dann zur nächsten, um dann zu einer weiteren und irgendwann eventuell wieder zurück zu wandern. Hier handelt es sich also um ein ganzes Figurenensemble, von dem jede Figur einen eigenen Erzählstrang besitzt und für kurze Zeit in den Mittelpunkt der Geschichte rückt.


Vorteil dieser Erzählperspektive: Wechselt man zwischen mehreren personalen Erzählern, können Informationsunterschiede zwischen den Figuren und dem Leser erzeugt werden – wie zum Beispiel in einem Thriller. Der Leser weiss, dass der Mörder seine Opfer mit Hilfe einer Fährte aus weissen Perlen ködert. Er weiss auch, was der Killer seinen Opfern antut. Dann sieht der Leser, wie eine junge Frau bei ihrem Spaziergang eine weisse Perle findet. Einige Schritte später, eine weitere. Der Leser weiss, wo das enden wird und würde ihr am liebsten zurufen, sie solle verschwinden. Genau diesen Drang kann das multiperspektivische Erzählen auslösen und damit den Leser fesseln. Es eröffnet dem Autor auch die Freiheit, jede Figur von allen Seiten zu beleuchten und Unterschiede in der Selbst- und Fremdwahrnehmung auszumachen.


Nachteile dieser Erzählperspektive: Je komplexer die Geschichte ist, desto schwieriger wird es für den Autor, die Übersicht zu behalten.


Also ihr Lieben, alles klar soweit? Eigentlich ganz einfach, wenn man sich näher mit der Thematik befasst, nicht wahr? Wichtig ist aber auch, dass ihr nicht nur die unterschiedlichen Erzählperspektiven kennt, sondern auch wisst, wie man sie richtig anwendet. Aber vielleicht wisst ihr das ja bereits. Falls nicht, schreibt mir, dann werde ich es euch in einem nächsten Blog gerne erklären.

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